Warum ich in Büchern schnüffle

4. Dezember 2025
Jana Schlosser – Bücherschnüfflerin

Eine Liebeserklärung erzählt auf dem Storytelling Symposium 2025

Im Novem­ber 2025 fand das 3. Sto­rytel­ling Sym­po­si­um von Anja Tim­mer­mann statt. Und hier hat­te ich die Gele­gen­heit, in einem 5‑Minuten-​Vortrag eine ganz per­sön­li­che Geschich­te zu mei­nem Busi­ness zu erzäh­len. Sie kam so gut an, dass ich mich am Tag dar­auf ent­schloss, sie noch ein­mal auf­zu­schrei­ben und hier als Blog zu ver­öf­fent­li­chen. Sie ist mei­ne ganz per­sön­li­che Lie­bes­er­klä­rung an Bücher.

Zwischen Anton und Zylinder verschwinden

In mei­ner Kind­heit ver­brach­te ich oft Zeit bei mei­ner Oma. Sie leb­te in einer klei­nen Stadt, anders­wo. Manch­mal gin­gen wir dort zu ihrer Nich­te. Die hat­te zwei gleich­alt­ri­ge Kin­der und so konn­te ich auch mal in einem Kin­der­zim­mer spie­len. Das war nett. Doch schon als Kind lieb­te ich den Rück­zug und sobald ich ein mir ver­nünf­tig, also lesens­wer­tes Buch fand, ver­schwand ich in irgend­ei­ner Ecke und war zufrie­den. In die­sem Kin­der­zim­mer ent­deck­te ich ein sehr span­nen­des Buch, mit dem ich jedoch ziem­lich frag­wür­di­ge Bli­cke der ande­ren Kin­der ein­fing. Es war das Kin­der­le­xi­kon »Von Anton bis Zylin­der«. Ich fin­de Lexi­ka span­nend. Wirk­lich! Ich kann zwi­schen den Sei­ten hüp­fen, hier lesen, mich dort ver­tie­fen und wei­ter blät­tern. Es gibt immer wie­der Neu­es zu ent­de­cken und es wird mir nicht lang­wei­lig. Es ist auch nicht so auf­re­gend, wie eine Indianer- oder Detek­tiv­ge­schich­te. Sum­ma: ver­schwin­den in mei­ner Welt.

Das pas­sier­te mir natür­lich nicht nur in ande­ren Kin­der­zim­mern. Mein Lese­hun­ger wuchs mit mir. Die Fas­zi­na­ti­on über die Viel­falt der Bücher eben­so. Ob India­ner­bü­cher von Karl May, Bal­la­den von Schil­ler und Goe­the, Lexi­ka oder auch Bio­lo­gie­bü­cher. Ich las. Sogar im Unter­richt. Merk­wür­dig, dass die Leh­rer mich nie wirk­lich dafür tadelten.

Als die Wörter zu Blei wurden

Was lag näher, als am Ende mei­ner Schul­zeit einen Beruf zu wäh­len, der „irgend­was“ mit Büchern zu tun hat. Die logi­sche Wahl fiel auf Schrift­set­zer. Wobei ich vor Beginn mei­ner Leh­re selbst nicht wuss­te, was ein Schrift­set­zer ist und mei­nen Freun­din­nen ledig­lich erklä­ren konn­te, dass ich kei­ne Öfen bau­en werde.

Hier öff­ne­te sich jetzt eine gan­ze ande­re Welt der Bücher. Ich lern­te die Schwar­ze Kunst mit all ihren Typen, Far­ben, Gerü­chen, Papie­ren, Lei­men, Fäden, Werk­zeu­gen und Rota­ti­ons­ma­schi­nen ken­nen und sogar das Schrei­ben mit zehn Fin­gern auf einer Schreib­ma­schi­ne. Ja, in den acht­zi­ger Jah­ren wur­de aus dem fast fünf­hun­dert Jah­re alten Blei­satz der Licht­satz. Die ers­ten Licht­setz­ma­schi­nen funk­tio­nier­ten näm­lich noch ganz hand­fest via Foto­schei­be und Licht und noch nicht mit Ein­sen und Nullen.

Die Kom­bi­na­ti­on aus Buch­form und Buch­in­halt mach­te mich glück­lich. Ich stö­ber­te in Anti­qua­ria­ten und ver­träum­te viel Zeit in Buch­hand­lun­gen. Und klar ent­deck­te ich dabei die Viel­falt der Buch­ge­stal­tun­gen. Fra­gen und Ent­de­ckun­gen zu ästhe­ti­schen For­men, typo­gra­fi­schen Details, Papier­sor­ten und schö­nen Far­ben ent­wi­ckel­ten sich. Irgend­wann ent­deck­te ich die Leip­zi­ger Buch­mes­se und mit ihr, dass es sogar einen Wett­be­werb der Schöns­ten Bücher gibt. Übri­gens, seit 1951 ist die Stif­tung Buch­kunst Leip­zig Ver­an­stal­ter die­ses Wettbewerbs.

Schöns­te Bücher? Was macht ein Buch schön?

Das schönste Buch der Welt

Wenn es nach der Jury der Leip­zi­ger Buch­mes­se geht, wird ein Buch zum schöns­ten Buch durch das per­fek­te Zusam­men­spiel aus­ge­zeich­ne­ter Gestal­tung und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Her­stel­lung. Wobei zur Her­stel­lung auch Nach­hal­tig­keit, CO₂-​Bilanz und zer­ti­fi­zier­te Papie­re gehö­ren. Die Gestal­tung krea­tiv bis viel­leicht sogar inno­va­tiv und pas­send zum Inhalt gestaltet.

Doch was mir als Bücher­lieb­ha­be­rin lieb und wert ist, muss nicht zwangs­läu­fig jeden Leser vom Kauf eines Buches über­zeu­gen. Wel­ches Buch ist denn so schön, dass es unbe­dingt im ganz per­sön­li­chen Besitz sein muss? Wel­ches Buch wird immer wie­der zur Hand genom­men, dar­in gele­sen, viel­leicht sogar vor­ge­tra­gen und gelehrt? Koch­bü­cher? Gar­ten­rat­ge­ber? Har­ry Potter?

1,5 Kilo Ewigkeit

Das am häu­figs­ten gedruck­te und publi­zier­te und in die meis­ten Spra­chen über­setz­te Buch ist tat­säch­lich die christ­li­che Bibel. Jeden­falls im Reich der christ­li­chen Reli­gio­nen. Da ich in einem kon­fes­si­ons­lo­sen Umfeld auf­ge­wach­sen bin, kauf­te ich mir irgend­wann eine hun­dert Jah­re alte Bibel im Anti­qua­ri­at. Ich setz­te mich aufs Sofa, nahm das gewich­ti­ge Werk und begann es zu lesen. Ganz klas­sisch. Vom Anfang begin­nend. Da bin ich aller­dings nicht weit gekom­men, denn die Bibel ähnelt wohl eher einem sehr uner­gründ­li­chen Mys­te­ri­um und ohne Anlei­tung ist sie ein­fach schwer ver­steh­bar. Doch fast so, wie in einem Lexi­kon macht es mir Freu­de, hier und da und dort zu blät­tern, an Absät­zen oder Lie­dern hän­gen­zu­blei­ben und über das Gele­se­ne nachzudenken.

Und dann den­ke ich, dass die­ses Buch schon fast 2000 Jah­re alt ist, auf noch viel älte­ren Geschich­ten beruht und im Grun­de genom­men vie­le Bücher in einem ist. Dass sie im Ursprung von Hand auf Papy­rus­rol­len geschrie­ben, von ande­ren Hän­den, meis­tens in Klos­tern, abge­schrie­ben und nur von weni­gen Men­schen über­haupt gele­sen wer­den konn­te. Bevor Guten­berg die Blei­let­tern erfand, gab es die Bibel als Com­pen­di­en hand­ge­schrie­ben auf Per­ga­ment, die nur den weni­gen Men­schen vor­be­hal­ten waren, die über­haupt lesen konnten.

Inso­fern hat Johan­nes Guten­berg nicht nur die Art der Ver­viel­fäl­ti­gung revo­lu­tio­niert, son­dern auch die Basis für viel mehr Bücher und Inhal­te geschaf­fen. Grund genug, dass alle Men­schen Lesen und Schrei­ben ler­nen konn­ten. Doch auch die von Guten­berg gedruck­te Bibel, ja, das ers­te jemals gedruck­te Buch der Welt war die Bibel, war ein gro­ßes, schwe­res Buch. Erst in den nächs­ten 500 Jah­re ent­wi­ckel­te sich die Schwar­ze Kunst bis zur heu­ti­gen Per­fek­ti­on. Schrift­ar­ten ent­stan­den, die Far­ben wur­den halt­ba­rer, das Papier dün­ner, das For­mat klei­ner und ein Buch ins­ge­samt viel leich­ter. Nun ist die Bibel ja ziem­lich umfas­send. Nicht nur inhalt­lich, son­dern eben auch in sei­ner Mas­se. Mein anti­qua­risch gekauf­tes Exem­plar hat 1200 Sei­ten und wiegt unge­fähr 1,5 kg. Und das auch »nur«, weil das Papier vom ursprüng­li­chen Per­ga­ment zum Dünn­druck­pa­pier wei­ter­ent­wi­ckelt wur­de. Zum Ver­gleich: unser nor­ma­les Kopier­pa­pier ist ein soge­nann­tes 80 g‑Papier. Dünn­druck­pa­pier, oder auch Bibel­druck­pa­pier genannt, hat ein Gewicht von 28 bis 35 g. Und genau das fas­zi­niert mich schon wie­der. Dass es Papie­re gibt, die so dünn und doch so reiß­fest und auch Jahr­hun­der­te halt­bar sind.

Zettelwirtschaft der Erkenntnis

Inzwi­schen hat­te ich selbst Gra­fik­de­sign stu­diert und so lese und set­ze ich nicht mehr nur Bücher, son­dern gestal­te­te sie auch. Was für ein Glück, die­ser alles in einem ver­ei­nen­de Beruf!

Mei­ne Lust quer­feld­ein zu lesen, zu sprin­gen, Wis­sen zu erha­schen und wei­ter­zu­den­ken fand dann tat­säch­lich im Jahr 2010 ihr Buch-​Gegenüber: »Das Les­ikon der Kom­mu­ni­ka­ti­on«. 2999 Sei­ten, 32 g‑Papier, 2118 g schwer und von 3513 Co-​Autoren mit­ge­schrie­ben, ent­hält es eine Samm­lung von 9513 Begrif­fen in höchst krea­ti­ver Art struk­tu­riert und mit zufäl­li­ger Zet­tel­wirt­schaft ange­rei­chert. Ein Schwer­ge­wicht, das mit sam­tig fühl­ba­rem Buch­schnitt mei­ne Fin­ger und mit dem Duft von zar­tem Dünn­druck­pa­pier, Druck­far­be und Leim mei­ne Nase ver­führt. Ja, ich gebe es zu: Ich bin eine Schnüff­le­rin. Genau­er: Bücher­schnüff­le­rin. Das wur­de mir sogar zer­ti­fi­ziert. Von der Autorin Juli Gude­hus die­ses Wer­kes höchst­per­sön­lich, als ich es bei ihr kauf­te und um ein Auto­gramm bat.

Die große Frage zum Unsichtbaren im Allgegenwärtigen

War­um ste­cke ich mei­ne klei­ne Nase in Bücher und schnüff­le in ihnen? Was lässt mich wie magne­tisch in Buch­hand­lun­gen zie­hen? Was ist das Bin­de­glied zwi­schen Gedich­ten, Kri­mis, Kunst­ka­ta­lo­gen, wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lun­gen, Zeit­schrif­ten, Lie­bes­ro­ma­nen und Fachbüchern?

Was ist die Ant­wort auf die Fra­ge des Uni­ver­sums der Bücher? Was ist die Magie hin­ter allem?

Nein, die Ant­wor­tet ist nicht 42! Auch wenn Bücher ein Uni­ver­sum mit ganz eige­ner Gala­xie sind.

Die Antwort ist 26.

Und das ist kein Zufall. Denn 26 ist der Grund­be­stand aller Buch­sta­ben des latei­ni­schen Alpha­bets. Und die­se sechs­und­zwan­zig Buch­sta­ben rei­chen aus, um alles Wis­sen, alle Gedan­ken, Emo­tio­nen, Frei­heit und Unab­hän­gig­keit, alle Lie­be und alle Fan­ta­sie aus­zu­drü­cken. Die ein­zi­ge Not­wen­dig­keit besteht dar­in, die­se 26 Buch­sta­ben tat­säch­lich lesen zu kön­nen, die­sen Code deco­die­ren zu können.

Dann brei­tet sich die gan­ze Welt der Bücher vor mir aus.

Das ist magisch – ver­rückt – großartig!

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