Eine Liebeserklärung erzählt auf dem Storytelling Symposium 2025
Im November 2025 fand das 3. Storytelling Symposium von Anja Timmermann statt. Und hier hatte ich die Gelegenheit, in einem 5‑Minuten-Vortrag eine ganz persönliche Geschichte zu meinem Business zu erzählen. Sie kam so gut an, dass ich mich am Tag darauf entschloss, sie noch einmal aufzuschreiben und hier als Blog zu veröffentlichen. Sie ist meine ganz persönliche Liebeserklärung an Bücher.
Zwischen Anton und Zylinder verschwinden
In meiner Kindheit verbrachte ich oft Zeit bei meiner Oma. Sie lebte in einer kleinen Stadt, anderswo. Manchmal gingen wir dort zu ihrer Nichte. Die hatte zwei gleichaltrige Kinder und so konnte ich auch mal in einem Kinderzimmer spielen. Das war nett. Doch schon als Kind liebte ich den Rückzug und sobald ich ein mir vernünftig, also lesenswertes Buch fand, verschwand ich in irgendeiner Ecke und war zufrieden. In diesem Kinderzimmer entdeckte ich ein sehr spannendes Buch, mit dem ich jedoch ziemlich fragwürdige Blicke der anderen Kinder einfing. Es war das Kinderlexikon »Von Anton bis Zylinder«. Ich finde Lexika spannend. Wirklich! Ich kann zwischen den Seiten hüpfen, hier lesen, mich dort vertiefen und weiter blättern. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken und es wird mir nicht langweilig. Es ist auch nicht so aufregend, wie eine Indianer- oder Detektivgeschichte. Summa: verschwinden in meiner Welt.
Das passierte mir natürlich nicht nur in anderen Kinderzimmern. Mein Lesehunger wuchs mit mir. Die Faszination über die Vielfalt der Bücher ebenso. Ob Indianerbücher von Karl May, Balladen von Schiller und Goethe, Lexika oder auch Biologiebücher. Ich las. Sogar im Unterricht. Merkwürdig, dass die Lehrer mich nie wirklich dafür tadelten.
Als die Wörter zu Blei wurden
Was lag näher, als am Ende meiner Schulzeit einen Beruf zu wählen, der „irgendwas“ mit Büchern zu tun hat. Die logische Wahl fiel auf Schriftsetzer. Wobei ich vor Beginn meiner Lehre selbst nicht wusste, was ein Schriftsetzer ist und meinen Freundinnen lediglich erklären konnte, dass ich keine Öfen bauen werde.
Hier öffnete sich jetzt eine ganze andere Welt der Bücher. Ich lernte die Schwarze Kunst mit all ihren Typen, Farben, Gerüchen, Papieren, Leimen, Fäden, Werkzeugen und Rotationsmaschinen kennen und sogar das Schreiben mit zehn Fingern auf einer Schreibmaschine. Ja, in den achtziger Jahren wurde aus dem fast fünfhundert Jahre alten Bleisatz der Lichtsatz. Die ersten Lichtsetzmaschinen funktionierten nämlich noch ganz handfest via Fotoscheibe und Licht und noch nicht mit Einsen und Nullen.
Die Kombination aus Buchform und Buchinhalt machte mich glücklich. Ich stöberte in Antiquariaten und verträumte viel Zeit in Buchhandlungen. Und klar entdeckte ich dabei die Vielfalt der Buchgestaltungen. Fragen und Entdeckungen zu ästhetischen Formen, typografischen Details, Papiersorten und schönen Farben entwickelten sich. Irgendwann entdeckte ich die Leipziger Buchmesse und mit ihr, dass es sogar einen Wettbewerb der Schönsten Bücher gibt. Übrigens, seit 1951 ist die Stiftung Buchkunst Leipzig Veranstalter dieses Wettbewerbs.
Schönste Bücher? Was macht ein Buch schön?
Das schönste Buch der Welt
Wenn es nach der Jury der Leipziger Buchmesse geht, wird ein Buch zum schönsten Buch durch das perfekte Zusammenspiel ausgezeichneter Gestaltung und qualitativ hochwertiger Herstellung. Wobei zur Herstellung auch Nachhaltigkeit, CO₂-Bilanz und zertifizierte Papiere gehören. Die Gestaltung kreativ bis vielleicht sogar innovativ und passend zum Inhalt gestaltet.
Doch was mir als Bücherliebhaberin lieb und wert ist, muss nicht zwangsläufig jeden Leser vom Kauf eines Buches überzeugen. Welches Buch ist denn so schön, dass es unbedingt im ganz persönlichen Besitz sein muss? Welches Buch wird immer wieder zur Hand genommen, darin gelesen, vielleicht sogar vorgetragen und gelehrt? Kochbücher? Gartenratgeber? Harry Potter?
1,5 Kilo Ewigkeit
Das am häufigsten gedruckte und publizierte und in die meisten Sprachen übersetzte Buch ist tatsächlich die christliche Bibel. Jedenfalls im Reich der christlichen Religionen. Da ich in einem konfessionslosen Umfeld aufgewachsen bin, kaufte ich mir irgendwann eine hundert Jahre alte Bibel im Antiquariat. Ich setzte mich aufs Sofa, nahm das gewichtige Werk und begann es zu lesen. Ganz klassisch. Vom Anfang beginnend. Da bin ich allerdings nicht weit gekommen, denn die Bibel ähnelt wohl eher einem sehr unergründlichen Mysterium und ohne Anleitung ist sie einfach schwer verstehbar. Doch fast so, wie in einem Lexikon macht es mir Freude, hier und da und dort zu blättern, an Absätzen oder Liedern hängenzubleiben und über das Gelesene nachzudenken.
Und dann denke ich, dass dieses Buch schon fast 2000 Jahre alt ist, auf noch viel älteren Geschichten beruht und im Grunde genommen viele Bücher in einem ist. Dass sie im Ursprung von Hand auf Papyrusrollen geschrieben, von anderen Händen, meistens in Klostern, abgeschrieben und nur von wenigen Menschen überhaupt gelesen werden konnte. Bevor Gutenberg die Bleilettern erfand, gab es die Bibel als Compendien handgeschrieben auf Pergament, die nur den wenigen Menschen vorbehalten waren, die überhaupt lesen konnten.
Insofern hat Johannes Gutenberg nicht nur die Art der Vervielfältigung revolutioniert, sondern auch die Basis für viel mehr Bücher und Inhalte geschaffen. Grund genug, dass alle Menschen Lesen und Schreiben lernen konnten. Doch auch die von Gutenberg gedruckte Bibel, ja, das erste jemals gedruckte Buch der Welt war die Bibel, war ein großes, schweres Buch. Erst in den nächsten 500 Jahre entwickelte sich die Schwarze Kunst bis zur heutigen Perfektion. Schriftarten entstanden, die Farben wurden haltbarer, das Papier dünner, das Format kleiner und ein Buch insgesamt viel leichter. Nun ist die Bibel ja ziemlich umfassend. Nicht nur inhaltlich, sondern eben auch in seiner Masse. Mein antiquarisch gekauftes Exemplar hat 1200 Seiten und wiegt ungefähr 1,5 kg. Und das auch »nur«, weil das Papier vom ursprünglichen Pergament zum Dünndruckpapier weiterentwickelt wurde. Zum Vergleich: unser normales Kopierpapier ist ein sogenanntes 80 g‑Papier. Dünndruckpapier, oder auch Bibeldruckpapier genannt, hat ein Gewicht von 28 bis 35 g. Und genau das fasziniert mich schon wieder. Dass es Papiere gibt, die so dünn und doch so reißfest und auch Jahrhunderte haltbar sind.
Zettelwirtschaft der Erkenntnis
Inzwischen hatte ich selbst Grafikdesign studiert und so lese und setze ich nicht mehr nur Bücher, sondern gestaltete sie auch. Was für ein Glück, dieser alles in einem vereinende Beruf!
Meine Lust querfeldein zu lesen, zu springen, Wissen zu erhaschen und weiterzudenken fand dann tatsächlich im Jahr 2010 ihr Buch-Gegenüber: »Das Lesikon der Kommunikation«. 2999 Seiten, 32 g‑Papier, 2118 g schwer und von 3513 Co-Autoren mitgeschrieben, enthält es eine Sammlung von 9513 Begriffen in höchst kreativer Art strukturiert und mit zufälliger Zettelwirtschaft angereichert. Ein Schwergewicht, das mit samtig fühlbarem Buchschnitt meine Finger und mit dem Duft von zartem Dünndruckpapier, Druckfarbe und Leim meine Nase verführt. Ja, ich gebe es zu: Ich bin eine Schnüfflerin. Genauer: Bücherschnüfflerin. Das wurde mir sogar zertifiziert. Von der Autorin Juli Gudehus dieses Werkes höchstpersönlich, als ich es bei ihr kaufte und um ein Autogramm bat.
Die große Frage zum Unsichtbaren im Allgegenwärtigen
Warum stecke ich meine kleine Nase in Bücher und schnüffle in ihnen? Was lässt mich wie magnetisch in Buchhandlungen ziehen? Was ist das Bindeglied zwischen Gedichten, Krimis, Kunstkatalogen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Zeitschriften, Liebesromanen und Fachbüchern?
Was ist die Antwort auf die Frage des Universums der Bücher? Was ist die Magie hinter allem?
Nein, die Antwortet ist nicht 42! Auch wenn Bücher ein Universum mit ganz eigener Galaxie sind.
Die Antwort ist 26.
Und das ist kein Zufall. Denn 26 ist der Grundbestand aller Buchstaben des lateinischen Alphabets. Und diese sechsundzwanzig Buchstaben reichen aus, um alles Wissen, alle Gedanken, Emotionen, Freiheit und Unabhängigkeit, alle Liebe und alle Fantasie auszudrücken. Die einzige Notwendigkeit besteht darin, diese 26 Buchstaben tatsächlich lesen zu können, diesen Code decodieren zu können.
Dann breitet sich die ganze Welt der Bücher vor mir aus.
Das ist magisch – verrückt – großartig!

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