Was ist es, wenn es schön ist?

Die sechs Dimen­sio­nen der Schön­heit, 10. Febru­ar 2026, von Jana Schlosser

6 Dimensionen der Schönheit

»Schönheit wird die Welt retten«, behauptet der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski bereits vor 100 Jahren. Doch wie will ausgerechnet Schönheit die Welt retten?

Die­ser Satz hat mich nicht mehr los­ge­las­sen. Nicht, weil ich ihn roman­tisch fin­de, son­dern weil er eine Fra­ge auf­wirft: Was ist Schön­heit über­haupt? Und wenn sie tat­säch­lich so viel Kraft hat, war­um beschäf­ti­gen wir uns so wenig mit ihr?

Schön­heit ist über­all. In der kla­ren Linie und im wil­den Wuchs. Im flüch­ti­gen Moment und im Bestän­di­gen. In dem, was funk­tio­niert und in dem, was ein­fach nur da ist. Sie ist indi­vi­du­ell, ungreif­bar, manch­mal wider­sprüch­lich. Und doch erken­nen wir sie intui­tiv, wenn wir uns öff­nen. Sie ist weni­ger eine Sache des Geschmacks, son­dern mehr eine Fra­ge der Haltung.

Je mehr ich mich mit ihr beschäf­ti­ge, und das muss ich, da sie einen wesent­li­chen Aspekt mei­ner Arbeit aus­macht, des­to radi­ka­ler wer­den mei­ne Einsichten.

Schön­heit ist Wahrheit.

Sie zeigt sich dort, wo etwas stim­mig ist: mit sich selbst, mit dem Moment, mit dem, was es sein will. Schön­heit lügt nicht. Und ja, Schön­heit ist das Quan­tum Mensch­lich­keit, das unser Leben deut­lich zum Guten beein­flusst. Schön­heit selbst ist bereits Funk­ti­on. Sie beein­flusst nicht nur, wie wir uns füh­len, son­dern sie ver­än­dert auch, wie wir uns ver­hal­ten. Sie ist als ästhe­ti­sche Qua­li­tät inte­gra­ler Aspekt von Brauch­bar­keit. Und letzt­lich wird am liebs­ten benutzt, was ein­fach gefällt.

Viel­leicht ist das Stre­ben nach dem Schö­nen über­haupt ein wesent­li­cher Motor, der uns Men­schen auf dem Pfad der Ent­wick­lung hält? Denn war­um erfin­den wir immer mehr und immer neu­es – sei es als Gegen­stand, als Raum oder als Funktion?

Lei­der lässt sich die Schön­heit nicht fest­le­gen. Doch sie lässt sich beschrei­ben. In Span­nungs­fel­dern, in denen sie sich offen­bart. Ich nen­ne sie Dimen­sio­nen der Schönheit.

Ich habe sechs Dimen­sio­nen iden­ti­fi­ziert. Sie zei­gen im sowohl als auch, dass jedes Maß sei­ne Berech­ti­gung hat und kei­ne Bewer­tung abbil­den kann.

Die sechs Dimensionen der Schönheit

1 Ordnung ↔ Chaos

Schön­heit zeigt sich in der kla­ren Linie und im wil­den Wuchs. Wir suchen Struk­tur, um uns zurecht­zu­fin­den. Und wir brau­chen das Unge­zähm­te, um leben­dig zu bleiben.

2 Vergänglichkeit ↔ Zeitlosigkeit

Schön­heit zeigt sich im flüch­ti­gen Moment und in dem, was über­dau­ert. Der Wan­del macht uns wach. Das Bestän­di­ge gibt uns Halt.

3 Brauchbar ↔ Zweckfrei

Schön­heit ent­steht, wo Form und Funk­ti­on zusam­men­fin­den und wo etwas ein­fach nur da sein darf. Wir brau­chen das Stim­mi­ge, das funk­tio­niert. Und wir brau­chen das Nutz­lo­se, das uns befreit.

4 Nähe ↔ Distanz

Schön­heit zieht uns an, weil wir uns wie­der­erken­nen und wir stau­nen über das Anders­ar­ti­ge und Rät­sel­haf­te. Ver­traut­heit schenkt uns Gebor­gen­heit. Das Frem­de macht uns neugierig.

5 Stille ↔ Fülle

Schön­heit kann lei­se sein und über­wäl­ti­gend. Stil­le schafft Raum zum Atmen. Fül­le lässt uns eintauchen.

6 Persönlich ↔ Universal

Schön­heit kann intim sein und sie ver­bin­det uns über Gren­zen hin­weg. Das Per­sön­li­che gibt uns Iden­ti­tät. Das Uni­ver­sel­le lässt uns Teil von etwas Grö­ße­rem sein.

Die­se Dimen­sio­nen zei­gen, wie viel­fäl­tig Schön­heit ist und gleich­zei­tig, wie unmög­lich, sie fest­zu­le­gen. Jeder Mensch bewegt sich anders in die­sen Span­nungs­fel­dern. Was für den einen schön ist, kann für den ande­ren gleich­gül­tig sein. Und genau dar­in liegt die Kraft der Schön­heit: Sie gehört jedem.

Und vielleicht hatte Dostojewski ja recht: Schönheit wird die Welt retten.

Was, wenn sein Welt­ret­tungs­aus­spruch dies bedeu­tet: Schön­heit ist Frieden.

Wo Schön­heit ist, muss nicht gekämpft wer­den. Sie schafft Räu­me, in denen wir zur Ruhe kom­men, sowohl mit der Welt als auch mit uns selbst. Schön­heit ist kein Luxus. Sie ist ein Lebensmittel.

← zurück

über mich